Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Liebe Schwestern und Brüder,
blicken wir zunächst auf die Szenerie des Heilungsberichts:
Rund um den Teich Betesda gibt es einen regen Kurbetrieb. Fünf Säulenhallen wurden errichtet, denn Menschen mit den verschiedensten Krankheiten halten sich dauernd hier auf. Wir dürfen annehmen: Auch viele Angehörige und Freunde der Patienten, Pfleger, die sich um sich kümmern, Geschäftemacher, die Getränke, Heilamulette, Souvenirs verkaufen, wohl auch manche Scharlatane, die aus den Verzweifelten Kapital schlagen wollen. Vielleicht werden für die weniger Kranken auch Vergnügungen angeboten, so wie in den berühmten Kurbädern des 19. Jahrhunderts.
Hier liegt seit vielen Jahren der Gelähmte und wartet auf Heilung, denn dem Wasser des Teichs Betesda werden wunderbare Kräfte nachgesagt. Wenn es sich – von Zeit zu Zeit – bewegt, würde der gesund, der als erster hineinsteige – so heißt es.
Aber wartet der seit 38 Jahren gelähmte Mann tatsächlich auf Heilung?
Zu Jesus sagt er, er habe keinen Menschen, der ihn in den Teich bringen könne, wenn dessen Heilkraft aktiv sei und er selbst sei zu langsam, um ihn rechtzeitig zu erreichen.
Er macht sich also gar keine Hoffnung darauf, gesund zu werden. Trotzdem bleibt er in dem Sanatorium, Jahr um Jahr. Er hat sich in und mit seiner Krankheit eingerichtet.
Andere hätten in dieser langen Zeit versucht, sich ein Leben außerhalb der Heilstätte aufzubauen – er nicht. Andere hätten versucht, in ihrer häuslichen Umgebung, im Kreis ihrer Familie oder unter Freunden so normal wie möglich ihr Dasein zu gestalten – er nicht.
Er ist offenbar ganz zufrieden, so wie es ist. Er will gar nichts ändern.
Hier im Sanatorium ist er versorgt.
Hier ist er wer: Zwar nur ein Kranker unter Kranken, aber er hat eine feste Rolle.
In der Welt draußen müsste er um einen Platz ringen. Hier hat er einen.
Und so bleibt er einfach liegen – er hat sich mit seiner Lage auf der Liege abgefunden:
„Da kann man halt nichts tun!“
Wenn ihn das Selbstmitleid übermannt oder wenn er eine Entschuldigung dafür braucht, dass er nichts ändert, dann klagt er: „Ich habe keinen Menschen, der mir hilft!“ Aber das kann nicht stimmen! Ohne fremde Hilfe wäre er mit seinen Gebrechen längst verhungert, verdurstet, in seinem Dreck zugrundegegangen. Aber die fremde Hilfe nimmt er als ganz selbstverständlich hin – und ist nicht etwa dankbar dafür, dass er Menschen hat, die sich um ihn und die für ihn sorgen.
Jesus sieht, wie es um den Mann steht, und er fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ Wir müssen dabei auf die Betonung achten: „Willst DU – WIRKLICH, EHRLICH – gesund werden?“ Was der Gelähmte antwortet, ist Antwort genug: Er sagt nicht laut und kräftig: „Ja!“ Er sagt nicht mit vor Aufregung bebender Stimme: „ICH will!“ Nein, er greift zu seinen Standardausreden: „Ich habe keinen Menschen …“ und: „Andere sind schneller!“
Beide Antworten meinen dasselbe: „Die anderen sind schuld!“ Nicht er! Er würde ja, wenn er nur könnte, aber … So also sieht es in dem Kranken aus!
Aber achten wir noch einmal auf den Wortlaut der Frage Jesu!
Jesus fragt nicht: „Willst du gesund sein?“, er fragt: „Willst du gesund werden?“
Das ist ein riesiger Unterschied. Gesund SEIN, das wollen alle Menschen, da hätte sicher auch der Gelähmte am Teich Betesda „Ja“ gesagt.
Aber gesund WERDEN, das bedeutet: Willst DU die nötigen Schritte zur Genesung unternehmen? Willst DU den Weg einschlagen, der zur Gesundheit führt? Willst DU DICH auf die Schwierigkeiten einlassen, auf die Härten, auf die notwendigen Veränderungen, auf die mögliche Rückschläge, auf den neuen Blick auf DICH selbst und DEINE Geschichte – und dabei nie das Ziel aus den Augen zu verlieren: gesund zu werden?
Zum Gesundwerden, Schwestern und Brüder, sagen längst nicht alle Menschen: „Ja“.
Denn das verlangt den Willen, etwas zu verändern! Und etwas zu wollen, das ist anstrengend! Und es dann umzusetzen, das ist noch anstrengender! Und durchzuhalten, möglicherweise über Jahre und Jahrzehnte, das ist am alleranstrengendsten!
Auf ungesundes Bauchfett verzichten, das würde jeder gerne.
Aber etwas dagegen tun, das wollen viel weniger.
Hier liegt der Unterschied zwischen den Fragen: „Willst du gesund sein?“ und: „Willst du gesund werden?“ – und zwischen der Forderung: „Mach mich gesund!“ – und der Bitte: „Hilf mir, gesund zu werden!“
Beim Gesundwerden kommt dem Patienten eine große Verantwortung zu! Der Arzt verordnet nur die Medizin, aber der Kranke muss sie einnehmen, WEIL er gesund werden will. Und meistens ist eben mit ein paar Pillen nicht getan!
Für den Gelähmten im Evangelium ist das Gesundwerden mit gewaltigen Umbrüchen verbunden. Er kann seine Sicht auf sich selbst und das Leben nicht länger aufrecht erhalten: „Ich bin krank und da kann man nichts machen. Die anderen sind schuld. Ich nicht.“ Er kann sich nicht mehr selber bemitleiden: „Ich bin ja ganz allein“, während doch andere für ihn sorgen. Er kann die Verantwortung für sein Leben nicht länger wegschieben – auf die Krankheit, die „anderen“, das Schicksal, die Helfer, die er als selbstverständlich hinnimmt … – ER ist gefordert!
Sein Gesundwerden beginnt mit Jesu Worten: „Steh auf!“ All die Veränderungen stecken in diesen zwei kurzen Worten: „Steh auf!“
Das heißt: „Bleib nicht länger liegen, stell dich auf deine eigenen Füße, unternimm endlich die nötigen Schritte, schieb die Verantwortung nicht an andere ab, habe den Willen, an dir zu arbeiten, hör auf den, der dir die nötige Therapie verordnet und setz sie um! Dann kannst du dein Bett aufheben und nach Hause gehen!“
„Nimm dein Bett und geh hin“, das bedeutet: Du trägst noch an der Last deiner Krankheit! Auch der Gesundgewordene schüttelt die Jahre der Krankheit nicht einfach so ab.
Und der, der erst auf dem Weg ist, gesund zu werden, trägt vielleicht sogar noch sehr schwer an seiner Krankheit! Und trotzdem ändert sich auch für ihn etwas Grundlegendes!
Wer aufsteht, der übernimmt wieder selbst die Verantwortung für sein Leben!
Schwestern und Brüder,
vielleicht wundert Ihr Euch, wie wenig ich in dieser Andacht von Jesus gesprochen habe – dabei war eigentlich die ganze Zeit von ihm die Rede! Denn alles, was dem Gelähmten zum Gesundwerden verhilft, geht von Jesus aus! Jesus ist es, der ihm den Anstoß gibt, über die Frage nachzudenken: „Will ich wirklich gesund werden – oder habe ich mich in meinem Zustand eingerichtet?“ Jesus ist es, der ihn bevollmächtigt, endlich Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen! Jesus ist es, der ihm den Mut gibt, die nötigen Schritte zu machen! Jesus ist es, der ihn auf den Weg zur Heilung führt!
Das tut Jesus auch heute noch für Menschen! Ja, Jesus lässt Menschen auch heute noch gesund werden! Und vielleicht gerade Dich! Mach Dir klar: Das Evangelium gilt DIR! Und der Evangelist Johannes berichtet diese Geschichte für DICH!
Schwestern und Brüder,
möglicherweise meint Ihr jetzt, ich würde Euch versprechen: „Glaubt nur genug an Jesus, dann werdet Ihr ganz sicher gesund!“
Aber das tue ich nicht! Viele gläubige Christen leiden an schweren, an unheilbaren, den tödlichen Krankheiten!
Aber der Glaube verändert den Umgang mit der Krankheit tiefgehend – als Mensch, der mit einer chronischen Krankheit lebt, kann und darf ich das sagen! Denn gerade das Leben mit einer Krankheit, die nicht weggeht, verlangt den Willen, „gesund“ zu werden: Den Willen, die zur Verfügung stehenden Medikamente, Therapien, Hilfsmittel anzunehmen, auch wenn das mitunter belastend ist, statt sich in der Krankheit einzurichten: „Hat ja doch alles keinen Zweck!“ Den offenen Blick, zu erkennen, wie viele ringsum einen unterstützen und sich kümmern – und wie viel mehr dazu bereit wären, wenn man sie nur fragen würde -, statt sich in Selbstmitleid zu ergehen: „Ich habe keinen Menschen!“ Die Hoffnung, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen, statt dumpf mit dem Schicksal zu hadern. Den Mut, aufzustehen, statt liegenzubleiben. Und das alles schenkt Jesus!
Mehr noch: Die Zukunft, die Jesus uns eröffnet, endet nicht mit dem irdischen Tod:
Die Zukunft, die Jesus uns eröffnet, währt ewig!
Denn Jesus ist nicht nur zur Heilung unserer Seelen und unserer Körper in diese Welt gekommen.
Er ist zur Heilung von uns Menschen von Sünde, Tod und Verdammnis gestorben und auferstanden zu unserem Heil! Wer an ihn glaubt, der geht der Herrlichkeit entgegen, die nie ein Ende hat!
Ein Arzt ist uns gegeben,
der selber ist das Leben;
Christus, für uns gestorben,
der hat das Heil erworben!
Durch ihn ist uns vergeben
die Sünd, geschenkt das Leben.
Im Himmel solln wir haben,
o Gott, wie große Gaben!
In diesem Glauben wünsche ich Euch allen gesegnete Kar- und Ostertage,
Euer Pfarrer Martin Fromm