Zwei Stimmen. Hosea und Jesus. Sie haben eine Schnittmenge in der Bibel.

Hosea trat im Nordreich Israel auf, heiratete als Zeichenhandlung eine Prostituierte und prangerte damit die Verfehlungen des Volkes an: „Ihr seid Gott gegenüber ehebrecherisch geworden. In Samaria und Bethel betet ihr goldene Kälber an und übernehmt die Fruchtbarkeitsriten der Kanaanäer. Alles kommt bei euch vor: Lüge, Mord, Ehebruch und Diebstahl.“ In diesem Zusammenhang steht die Losung, eine traurige Feststellung Gottes: „Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre.“ Nach 2. Mose 31,18 und 32,15-16 waren die ersten beiden Tafeln des Gesetzes von Gott selbst geschrieben, die Mose im Zorn zerbrach, als er vom Sinai herunterkam und das Volk beim Tanz um das goldene Kalb erwischte. Mose bestieg den Berg ein zweites Mal und bat Gott für das Volk um Vergebung. Daraufhin erhielt Mose den Auftrag, selbst zwei Tafeln aus Stein zu behauen und die „zehn Worten“ einzumeißeln (2. Mose 34, 27-28). Gottes Gebote, Gottes Weisungen für ein gelingendes Leben in Freiheit sind da. Doch die Menschen lassen sich nicht auf sie ein und wollen nicht wahrhaben, dass Gott es gut mit ihnen meint. Das macht Gott traurig.

 

Traurig muss auch Jesus feststellen, dass Pilatus ihn nicht versteht und auch nicht verstehen will. Jesus, seine Person, seine Liebe zu Gott und den Menschen, bleiben ihm fremd und verschlossen. Im Johannesevangelium sagt Jesus von sich: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh. 14, 6) Das heißt: Jesus ist die Wahrheit in Person. Diese Wahrheit ist keine reine Vernunftsache. Es ist keine mathematische Wahrheit, keine wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnis, keine bibelfromme Floskel. Jesus steht für einen Weg, den Weg radikaler Barmherzigkeit. Weil Gott barmherzig ist. Und weil wir Menschen alle aufgrund von Barmherzigkeit leben. Dieser Weg will Jesus für uns sein. Denn ohne Barmherzigkeit machen wir uns und anderen das Leben schwer, ja vergiften und zerstören es. Wenn wir uns dagegen auf Jesus einlassen, auf seinen Weg, auf seine Wahrheit, auf sein Leben, dann bringt uns das selbst in Bewegung, wir werden mitfühlend, achtsam, verurteilen nicht, üben Barmherzigkeit.

 

In der Matthäuskirche in Rehweiler hängt ein Bild von Lieselotte von Crailsheim. Sie hat 2001 den Kirchenpatron Matthäus auf ihre Weise ins Bild gesetzt, schemenhaft angedeutet, gelb erleuchtet durch das Evangelium, durch das ihm Jesus nahekommt als Weg, Wahrheit und Leben. Die Malerin hat einige Stellen aus dem Matthäusevangelium mit ins Bild gesetzt. Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung leuchten besonders hervor. In diesem Tagen fiel mein Blick besonders auf das Wort: „Barmherzigkeit will ich, nicht (Brand-)Opfer.“ Es ist das einzige Zitat im Matthäusevangelium, das zweimal zitiert wird. Jesus greift es einmal auf, als er sich dafür rechtfertigt, dass er sich mit Zöllnern und Sündern einlässt und mit ihnen isst. Das andere Mal verteidigt er das Verhalten seiner hungrigen Jünger, die am Sabbat Ähren ausraufen und damit die Sabbatgebote nicht einhalten. In der Bergpredigt preist er die Barmherzigen selig. Ja, Jesus war radikal barmherzig. Wer sich auf ihn einlässt, der findet das Leben. Der spürt sich lebendig. So wie sich viele sehr lebendig fühlen, wenn sie sich in diesen Tagen für andere einsetzen, für sie einkaufen, sie anrufen, den Kassiererinnen eine Dankeskarte schenken usw. Darin ereignet sich Wahrheit, nicht in einem dogmatischen Glaubenssatz von theologischer Tiefe. Wahrheit ist bei Jesus mit Leben und mit dem Bild des Weges verbunden. Man muss miteinander einen Weg gehen und offen sein für die Begegnung. Dafür hat Pilatus keine Zeit und kein Interesse. „Was ist Wahrheit?“ Mit dieser Frage antwortet er Jesus, der zu ihm sagte: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Pilatus lässt sich auf keine tiefere Begegnung mit Jesus ein. Er hat scheinbar wichtigeres zu tun und will sich nicht weiter mit dem Fall beschäftigen.

 

Wir erleben eine Zeit, in der wir neu auf das Leben und auf unsere Welt schauen. Auch heute spricht Gott zu uns durch seine Weisungen. Auch heute können wir die Stimme Jesu hören. Für mich bedeutet es: barmherzig zu mir selbst und zu anderen sein. Auch dieser Tag ist ein Bewährungsfeld dafür.

 

Pfarrer Hans Gernert, Rehweiler

Auslegungen von Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Dekanat Castell

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