Zum Todestag des Dichterpfarrers Arno Pötsch

Pötzsch – Büste am Petri – Pfarrhaus

Du kannst nicht tiefer fallen
als nur in Gottes Hand,
die er zum Heil uns allen
barmherzig ausgespannt.

Es münden alle Pfade
durch Schicksal, Schuld und Tod
doch ein in Gottes Gnade
trotz aller unsrer Not.

Wir sind von Gott umgeben
auch hier in Raum und Zeit
und werden in ihm leben
und sein in Ewigkeit.

Liebe Schwestern und Brüder,

Am 19. April jährte sich zum 70. Mal der Todestag des Dichterpfarrers Arno Pötzsch. Spätestens mit dem Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden, Landesbischöfin Margot Käßmann,  nach ihrer Trunkenheitsfahrt am 25. Februar 2010 wurde Pötzsch einer breiten Öffentlichkeit bekannt, bediente sich doch die populäre Theologin bei der öffentlichen Erklärung zum Abschluss seiner Worte: „Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.“ 

Wer aber war dieser Arno Pötzsch? 
Pötzsch wurde am 23. November 1900 in Leipzig in eher ärmliche Verhältnisse hinein geboren. Sein Vater, der kaufmännischer Angestellter gewesen war, verstarb früh, die Mutter kehrte, um Arno und seine Schwester Magdalene zu versorgen, in den vor der Eheschließung erlernten Beruf der Krankenschwester zurück.
Pötzschs Versuch, die Ausbildung zum Lehrer zu absolvieren, scheiterte an seiner schlechten Gesundheit, ebenso sein Besuch der Kunstakademie. Als 17-jähriger meldete er sich freiwillig zum Dienst in der Kriegsmarine, seine Zeit als Matrose kräftigte seine Gesundheit. 

1919 machte Pötzsch einen weiteren Versuch, Lehrer zu werden. Diesmal ging er ans Leipziger Religionslehrerseminar, allerdings ohne einen gefestigten Glauben; es war der künftige Beruf, der ihn anzog. Aber den religiösen und weltanschaulichen Konflikten am Seminar war der junge Mann nicht gewachsen, er stürzte in eine Depression, machte einen Suizidversuch.
In dieser Lage hatte er eine lebensentscheidende Begegnung: Durch den frommen Geschäftsmann Winter kam er nach Herrnhut. Er erhielt Arbeit in Winters Setzerei gab, dessen Frau sich wie eine Pflegemutter um den seelisch zerrütteten jungen Mann kümmerte und ihm zur Zeugin Jesu Christi wurde. 

Für Pötzsch öffnete sich eine Tür für die ersehnte Arbeit mit Jugendlichen. Er selbst berichtet im Rückblick darüber: „Da suchte Kleinwelka [ein Knabenheim der Brüdergemeine] einen Stubenlehrer zur Aushilfe für vier Wochen, aus den vier Wochen wurden fast vier Jahre. Das wurde eine Zeit stärksten Werdens. Die großen Jungen wurden meine Schüler und Kameraden, mit denen ich lebte, arbeitete, wanderte. Wieviel verdanke ich Geschwister Buck, der ganzen Gemeinde!“

Aber obwohl er in Kleinwelka erzieherische Verantwortung trug und zugleich wie ein großer Bruder behandelt und geliebt wurde, war ihm klar: Er brauchte eine solide Ausbildung und eine sichere materielle Lebensgrundlage. So entschied er sich 1923, als Soldat beim 10. Infanterieregiment in Löbau in die Reichswehr einzutreten. Er hoffte darauf, als Offizier seinen Traum erfüllen zu können, junge Menschen zu erziehen. Aber ohne Abitur blieb ihm diese Laufbahn verschlossen und so verließ er nach 15 Monaten den Truppendienst wieder.

Er legte die Mittlere Reife ab und trat in das Missionsseminar Herrnhut ein. Später schilderte er seine Fragen und Ängste bei diesem Schritt – und den mitunter aufbrechenden Wunsch, aus der frommen Gemeinde zu flüchten, in der er sich immer noch als Fremder und Zweifelnder unter lauten Gläubigen fühlte. Aber letztlich blieb er doch.

Noch zum Zeitpunkt seines Abschlusses des Missionsseminars war er sich jedoch nicht sicher, ob er jemals in den Kirchendienst treten könne. Trotzdem hinterließ er im Gästebuch seines Lehrers einen ebenso prägnanten wie theologisch interessanten Eintrag: „Woher? Wohin?“ „Von Gott – zu Gott.“

Er arbeitete noch einmal ein Jahr in Kleinwelka, anschließend kehrte er nach Leipzig zurück und nahm am sozialpädagogischen Frauenseminar die Ausbildung in der Wohlfahrtspflege auf. Hier lernte er Helene Bosse kennen, gemeinsam machten sie 1930 Examen.          

Langsam, sehr, sehr langsam, aber stetig war Pötzsch in eine persönliche Jesusbeziehung hineingewachsen:
„Nach 30 Jahren voll innerer und äußerer Kämpfe hatte ich den Platz im Leben gefunden. Ich war Fürsorger … Erst gegen Ende des dritten Lebensjahrzehnts war ich so weit, zu wissen, daß man auch heute noch, als ganz nüchterner, moderner Mensch, Christ sein könne. Ich konnte Christ sein, konnte nun auf dem Boden der Kirche arbeiten, was ich vorher nicht konnte und darum immer konsequent abgelehnt hatte.“
Arno und Helene heirateten, wohnten bei seiner Mutter, sie arbeitete in der Wohlfahrtspflege, während er ein neues Ziel fasste: das Theologiestudium. Dafür musste er noch das Abitur ablegen. Zum Wintersemester 1930 konnte er – parallel zu seiner Arbeit als Fürsorger – das Studium an der Universität Leipzig beginnen.

1934 verfasste der Vater für sein Töchterchen Kathrin ein Glaubenslied, das sein Gottvertrauen zeigt:


„Meinem Gott gehört die Welt,
meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit,
sein ist auch die Ewigkeit.

Und sein eigen bin auch ich.
Gottes Hände halten mich
gleich dem Sternlein in der Bahn;
keins fällt je aus Gottes Plan.

Wo ich bin, hält Gott die Wacht,
führt und schirmt mich Tag und Nacht;
über Bitten und Verstehn
muss sein Wille mir geschehn.

Täglich gibt er mir das Brot,
täglich hilft er in der Not,
täglich schenkt er seine Huld
und vergibt mir meine Schuld.

Lieber Gott, du bist so groß,
und ich lieg in deinem Schoß
wie im Mutterschoß ein Kind;
Liebe deckt und birgt mich lind.

Leb ich, Gott, bist du bei mir,
sterb ich, bleib ich auch bei dir,
und im Leben und im Tod
bin ich dein, du lieber Gott.“

Als Pötzsch sein Studium abschloss, waren dunkle Wolken über Deutschland und seiner Kirche aufgezogen: Seit über einem Jahr herrschte Hitler und hatte in atemberaubender Geschwindigkeit Staat und Gesellschaft umgebaut, Menschenverachtung und Inhumanität entfesselt. Pötzsch fühlte sich theologisch der Bekennenden Kirche verbunden, die dem „Phantasiechristentum“ der nazihörigen Deutschen Christen das reine Evangelium entgegensetzte. Er war Mitglied der Michaelsbruderschaft, die sich um eine Erneuerung des liturgischen Gottesdienstes und um die Förderung des geistlichen Lebens der Pfarrerschaft bemühte.
Im März 1935 trat er das Vikariat in Wiederau an. Er diente aufopferungsvoll, durchlitt aber immer wieder auch Phasen großer Schwermut, in denen er sich zurückzog.

Reubers Madonna von Stalingrad

Sein Freund, der Kirchenmusiker Wolfgang Pahlitzsch, vertonte erste seiner Gedichte. Pötzsch vertiefte die alte Freundschaft mit Kurt Reuber. Reuber, Arzt, evangelischer Theologe und Michaelsbruder, schuf Jahre später im Stalingrader Kessel die „Madonna von Stalingrad“ – das Bild, auf die Rückseite einer Geländekarte gezeichnet, inspirierte Pötzsch zu einer Reihe von Gedichten.

Im November 1936 legte Pötzsch das 2. Theologische Examen ab und wurde im Advent in Wiederau installiert. Schon früh stieß ihn die Unmenschlichkeit der NS-Ideologie ab.

Er wurde wegen angeblich staatsfeindlicher Äußerungen in einer Predigt von einem Kirchenvorsteher bei der Gestapo denunziert. Obwohl sich keine Beweise gegen ihn finden ließen, wurde bald deutlich, dass er in der sächsischen Landeskirche, deren Kirchenleitung stramm nationalsozialistisch und deutsch-christlich eingestellt war, keine Zukunft hatte.

Aber dann bekam Pötzsch ein Angebot als Heerespfarrer. So erstaunlich das heute klingt: In der Bekennenden Kirche galt als sicherer Ort für Pfarrer, die regimekritisch dachten, die Wehrmacht. In der Wehrmacht gab es viele – besonders adelige – Offiziere, die dem christlichen Glauben aufrichtig zugetan waren und zwar im Sinne der Bekennenden Kirche. Auch der Marinebischof war ausdrücklich nicht an Pfarrern der deutsch-christlichen Richtung interessiert. So entschied sich Arno Pötzsch – mit Bedauern, weil er an seiner Gemeinde hing – 1937 für den Dienst als Wehrmachtspfarrer bei der Marine. Vor Dienstantritt ließ er sich zu einer achtwöchigen Übung als Marinesoldat einberufen, „um die Lebensverhältnisse der zu betreuenden Soldaten noch einmal an mir selbst zu erfahren.“ Zum 1. Januar 1938 wurde er Marinepfarrer in Cuxhaven, der auch für die Militärseelsorge auf Helgoland zuständig war.

Cuxhavener Garnisonskirche, Innenraumaufnahme von 1936

Nur Tage, nachdem der 2. Weltkrieg am 1. September 1939 von Hitler mit dem Überfall Polens begonnen worden war, wurde Cuxhaven zur Festung erklärt. Pötzsch rechnete nun jederzeit mit seinem Feldeinsatz, aber es dauerte bis zum Westfeldzug und zur deutschen Besetzung der Niederlande, bis er auf dem Kriegsschauplatz zum Einsatz kam.

Pötzsch als Marinepfarrer

Während seine Familie nach Wiederau zurückgekehrt war, diente Pötzsch von Den Haag aus als Marinepfarrer: Er war Seelsorger, Feldprediger, zuständig für Bestattungen von Gefallenen und angeschwemmten Soldaten, für die Kriegsgräberfürsorge und begleitete zum Tode Verurteilte zur Exekution. In den Nachtstunden las er viel – er ließ sich von seiner Buchhändlerin aus Cuxhaven mit Literatur versorgen – und er dichtete „Notlieder der Kirche“ (wie er sie selbst nannte). In den Niederlanden wurden sie in den Heften „Singende Kirche“ zusammengestellt, vertont von Jaques Beer.   

Diese Lieder zeichnen sich durch einen besonderen Ernst aus. Ein großes Gottvertrauen geht einher mit der Überzeugung, dass Gott umso fremder wird, je näher wir ihm kommen: 

Wir können dich nicht fassen.
Du, Gott, bist viel zu groß.
Wir müssen uns dir lassen
mit unserm Menschenlos.


Wir gleichen Tauben, Blinden,
ganz gleich, wer einer sei;
wir wolln dich suchen, finden –
und tasten doch vorbei.


Und manchmal scheint`s, als streife
uns deines Mantels Saum,
doch wie auch einer greife –
er tastet leeren Raum.


Und was auch einer sage,
dich, Gott, dich sagt er nicht.
Wir alle sind nur Frage,
die sich ins Dunkle spricht.

Aber mit Luther vertraut Pötzsch darauf, dass er in Jesus Gott erkennen kann:

Laß uns Dich in Jesus Christ
allezeit gewahren!
Der der Gottheit Spiegel ist,
muß dich offenbaren.
Laß sein Leben, Kreuz und Tod
Hilf und Heil uns werden,
daß wir stets trotz Angst und Not
hier bestehn auf Erden.


Pötzsch litt in dieser Kriegszeit mit den Soldaten mit, mit den trauernden Angehörigen, mit den Verurteilten, die auf die Hinrichtung warten. Sein Arbeitspensum in diesen Jahren war staunenerregend, besonders bei einem Mann, der schon früh gesundheitliche Probleme hatte. Letztlich überforderte er sich total, ging über seine Kräfte hinaus. Der Krieg verfolgte ihn bis in die unruhigen Nächte hinein – bis zu seinem Tod schreckte er mit Alpträumen aus dem Schlaf hoch.

Seine Dichtungen gaben ihm selbst Halt und Kraft – und helfen ihm, das massenhafte Sterben, das er erlebte, zu verarbeiten.

Cuxhavener Garnisonskirche, heute Petrikirche

Nach dem 2. Weltkrieg kehrte Arno Pötzsch als Pfarrer nach Cuxhaven zurück. Er betreute in dieser Zeit etwa die Besatzungen von Minenräumboten. 1948 wurde er Pfarrer an der Garnisons- und Petrikirche. Er wurde zunehmend als Dichter anerkannt, wurde zu Lesungen und Literatentreffen eingeladen. Zusätzlich zum Pfarrdienst brachte er sich in der Kriegsgräberfürsorge ein, hielt Kontakte zu alten Marinekameraden und den Angehörigen von Kriegsgefallenen, er kümmerte sich um Flüchtlinge, die aus Deutschland auswandern wollten. Persönlich war er schweigsam und distanziert, wurde als sehr ernst, aber auch charismatisch wahrgenommen. Er fühlte sich alt – viel älter als er war – und betrachtete den Tod als ihm beständig nahe.  

Am 19. April 1956 verstarb Arno Pötzsch an den Folgen einer Blinddarmoperation.

Seine letzte Predigt hatte er zum Osterfest gehalten. Sie war getragen vom Vertrauen, dass Gott den dunklen Vorhang des Todes zerreißt, er, der Lebendige. Es ist diese Hoffnung auf die lichte Ewigkeit, die ihn die dunkle Zeit, die ihn den über der Welt liegenden finsteren Tod, die ihn den Dienst an Sterbenden, Toten, Trauernden durchstehen ließ.


So bekannte er in einem seiner eindrücklichsten Gedichte seine Osterhoffnung:

Glaub, wer da will, den Tod,
ich will das Leben glauben!
Was Gott erschuf, läßt Gott
sich nicht entfalln, nicht rauben,
läßt nicht ins Nichts zerstauben,
dem Er zu sein gebot.

Mag’s tausendmal vergehn,
es muß, was eh erschienen,
ihm wieder auferstehn,
ihm neu erblühn und grünen
und seinem Willen dienen;
sein Wille muss geschehn.

Gott sprach: Es werde Licht!
Da war die Nacht zu Ende.
Wort, das der Schöpfer spricht,
wirkt Leben, Wandlung, Wende.
Trotz Tod baun Gottes Hände
ein Werk, das nie zerbricht.

Drum glaub, wer will, den Tod,
ich glaub ein ewges Leben!
Als Gott dem Licht gebot,
da hat er’s schon gegeben.
Wir leben, sind und weben
in ihm, dem ewigen Gott.