„Richte mich, mein Gott“ – der Anfang des 43. Psalms hat dem vorletzten Passionssonntag Judica seinen Namen gegeben. Der Psalmist bittet darum, dass Gott im Gericht seine Unschuld erweisen, ihn von der Anklage des Gegners freisprechen möge. Für Christen bezieht sich das Wort auf Jesus: Von Pilatus zum Sterben am Kreuz verurteilt, besteht er doch im Gericht seines himmlischen Vaters – er erweckt seinen Sohn von den Toten und setzt ihn so vor aller Welt ins Recht. Die Kantorei Gnadenkirche erreichte die Herzen der Hörer mit Mendelssohns bewegender Vertonung dieses Psalms und brachte ihnen die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens so nahe, wie es nur die Musik vermag.

Die Aufführung des Psalms gehörte zu den Höhepunkten des beeindruckenden Konzertes am Sonntag Judica, dem 07. April 2019, bei dem sich klassische christliche Chormusik und Instrumentalstücke aus dem jüdischen Synagogen-Gottesdienst perfekt zu einem Gesamtkunstwerk verbanden.
Das Konzert war in drei Teile gegliedert, die mit Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Sehnsucht nach Frieden und Sehnsucht nach Erlösung überschrieben waren.

Zu den besonders mitreißenden Stücken der SaxoBariTöne gehörte das „Ose Schalom“: eingängig, fröhlich und sogar zum Tanzen geeignet – und doch ein Teil der synagogalen Liturgie von besonderer Tiefe. Der  Text basiert auf dem Buch Hiob (Hiob 25,2), das ein einziger verzweifelter Schrei des Menschen nach Gerechtigkeit ist, nach Gerechtigkeit, die – so empfindet es der Gläubige – von Gott verweigert wird. „Oseh schalom bimromav. Hu ya’aseh shalom aleinu. V’al kol Yisrael.“ Übersetzung: „Der Frieden (Schalom) schafft in seinen Höhen, der schaffe Frieden uns und ganz Israel.“

Schalom wird meistens mit „Frieden“ übersetzt. Dabei bedeutet Schalom viel mehr! Frieden; Gerechtigkeit; Heil; Unversehrtheit des Leibes, der Seele und des Geistes; Wohlbefinden; Sicherheit; Glück; Freundschaft – das alles sind Facetten des Begriffs Schalom. Die Sehnsucht des Menschen richtet sich nicht – gewissermaßen „isoliert“ – auf Gerechtigkeit, Frieden oder Erlösung – sie richtet sich auf das Ganze des Schalom, den nur Gott schenken kann.

Im letzten Teil des Konzertes schauten die Besucher in der bis auf den letzten Platz besetzten Rüdenhäuser Pfarrkirche mit der Kantorei hin nach Golgatha: Hier nimmt der Sohn Gottes den Tod am Kreuz für die sündige Menschheit auf sich. Schütz‘ Komposition zu Johannes 3,16 fasste als Schlussstück die geistliche Aussage des Konzertes zusammen: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Die in den „Sehnsuchtswerken“ immer stärker aufgebaute musikalische und theologische Spannung löste sich in der großartigen Darbietung des Schlussstücks. Hoffnung und befreiende Freude gingen von diesem abschließenden Chorwerk aus:  ER, Jesus, ist unser Friede, ER ist Gottes Antwort auf unsere Sehnsucht nach dem Schalom (Epheser 2,14). Die Zuhörer dankten der Kantorei unter Leitung von Gabriele Huber und den SaxoBariTönen mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus für eine Gefühl und Geist gleichermaßen stark bewegende Einstimmung auf die Kar- und Ostertage.



Die Spenden in Höhe von 700,- Euro, die durch das Konzert zusammen kamen, gehen an die Diözese Morgoro der Evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania. Der Bischof der Diözese, zu der in erster Linie nomadisch lebende Massai gehören, Jacob Mameo ole Paulo, besuchte bereits zweimal Wiesentheid. Es ist ein gemeinsames großes Anliegen, dass die dadurch gewachsenen Beziehungen, weiter gepflegt und noch vertieft werden – Jesus Christus überwindet alle Grenzen zwischen Kontinenten, Völkern und Menschen: „die Gnade Gottes währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten“ (Psalm 103,17 – aus dem Eingangsstück des Konzertes, gespielt von den SaxoBariTönen).     

„Iudica me, deus – Richte mich, mein Gott“ – Passionskonzert der Kantorei Gnadenkirche und der SaxoBariTöne in „St. Peter und Paul“ am Sonntag Judica

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