Am 23. April 2026 fand im Evangelischen Gemeindehaus Wiesentheid ein Bildvortrag mit dem Thema „Der Tierarzt Ludwig Rosenthal aus Altenschönbach – ein (fast) vergessenes Opfer des Nationalsozialismus“ statt.
Damit wurde auf eine relativ große Gruppe der Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam gemacht – nämlich derjenigen jüdischen Mitbürger, die in sogenannter „arisch-jüdischer Mischehe“ lebten.
Wolf-Dieter Gutsch, der Sprecher des Arbeitskreises „Stolpersteine – Erinnern und Gedenken“ im Verein Alt Prichsenstadt, hat sich über Jahre hinweg intensiv mit dem ihm zufällig bekannt gewordenen Schicksal von Ludwig Rosenthal beschäftigt, in verschiedenen Archiven recherchiert, Nachkommen ausfindig gemacht und auf diese Weise auch Zugang zu privaten Informationen – wobei in erster Linie das „Familienalbum“ zu nennen ist – erhalten.
So konnte der Lebens- und Leidensweg von Ludwig Rosenthal sehr anschaulich und präzise mit zahlreichen Dokumenten und Photographien nachgezeichnet werden. Der 1882 in Altenschönbach geborene Ludwig Rosenthal war ab 1908 für zwei Jahre in Wiesentheid als Tierarzt tätig und ließ sich dann 1910 in Delligsen in Südniedersachsen nieder. Nach der Teilnahme als Militärtierarzt am 1. Weltkrieg (mit zahlreichen Auszeichnungen) heiratete er 1920 eine „arische“ Protestantin. Die – übrigens auch evangelisch geschlossene – Ehe wurde ab 1935 von den Nazis als „priviligierte Mischehe“ eingestuft, denn die 1921 geborene Tochter wurde protestantisch getauft und erzogen. So blieb Ludwig Rosenthal zwar nicht die „übliche“ Verfolgung wegen seiner jüdischen Herkunft, wohl aber die Deportation in den ersten Jahren des 2. Weltkriegs erspart. Doch am 15. Februar 1945 – wenige Monate vor dem Ende des Krieges – erreichte ihn der Deportationsbefehl in das KZ Theresienstadt. Dem leistete Ludwig Rosenthal aber nicht Folge, sondern nahm sich am 19. Februar 1945 selbst das Leben.
Er wurde an seinem Wohnort Delligsen auf dem Gemeindefriedhof begraben. Erst vor wenigen Jahren erfolgte sein Eintrag in das Gedenkbuch des Bundesarchivs, am 23. August 2025 wurde am ehemaligen Wohnhaus der Familie Rosenthal eine Gedenktafel angebracht und eingeweiht.
Den Vortrag im Evangelischen Gemeindehaus besuchten zahlreiche Gäste besucht, die teilweise eine weite Anreise auf sich genommen hatten. Für die musikalische Umrahmung und das Verlesen von Textpassagen sorgten zwei Internatschülerinnen des Gymnasiums Wiesentheid. Im Anschluss an den etwa 90-minütigen Vortrag hatten die Besucher – wie üblich – bei einem Glas Wein noch die Gelegenheit zum Gedankenaustausch.
14. 05. 2026

Photo: Bild 3, von Hans-Dieter Kern
