Liebe Schwestern und Brüder,

mit dem 31. August 2026 endet meine fast zwanzigjährige Dienstzeit in der Pfarrei Rüdenhausen und Wiesentheid.
Vieles hat sich in dieser langen Zeit verändert:


Meine Frau Silke und ich kamen 2007 mit drei kleinen Kindern – inzwischen sind wir Großeltern zweier Enkel.
Wir kamen in einer Zeit, in der die Lage in unserem Land und in Europa weithin friedlich war, Wohlstand und Sicherheit herrschte. Die Weltlage ist heute eine andere: Die Gefahr des Krieges ist nahegerückt, Zukunftsängste machen sich breit, die Menschheit musste eine Pandemie überstehen.
Als wir kamen, war die kirchliche Landschaft in unserer Region im klassischen Sinne intakt – nun wird es bald kein Dekanat Castell mehr geben, auch auf dem Land geht die Zahl der Kirchenaustritte hoch und die Teilnahme am Gemeindeleben zurück. Vor den Pfarreien liegt nun ein großer Strukturprozess, der mit schmerzhaften Einschnitten verbunden sein wird.

Wir blicken mit großer Dankbarkeit auf die lange gemeinsame Zeit zurück, auf die vielen menschlichen Beziehungen, die gewachsen sind, vor allem aber auf die Verbundenheit im Glauben an Jesus Christus, die wir erleben und leben durften!  

Wir haben, liebe Schwestern und Brüder, in den zurückliegenden Jahren sehr viel miteinander geschafft: Der Kindergarten in Rüdenhausen, der wegen seines maroden Zustands 2007 vor der Schließung stand, ist heute ein Schmuckstück – vollbelegt mit Kindern, der Zukunft unseres Ortes und unserer Kirche!
Die Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde zum 300. Jubiläum der Erbauung aufwändig renoviert; zwar sieht man am Sockel und an der Bemoosung am Kirchturm, dass die Sanierung schon wieder einige Jahre her ist, aber drinnen strahlt die Kirche noch in voller Pracht.
Die Gnadenkirche Wiesentheid hat – als letzten Teil der großen Baumaßnahmen am Gemeindezentrum – einen neuen Turm erhalten.
Das intensive Gottesdienstleben, das seit Jahrzehnten in der Pfarrei im Zentrum der Gemeindearbeit steht und bayernweit seinesgleichen sucht, wurde von uns liebevoll weitergeführt und fortentwickelt. Auch dieser Gemeindebrief gibt davon Zeugnis: Neben der prächtigen liturgischen Osternacht in Rüdenhausen, die der  Posaunenchor und die Konfirmanden festlich mitgestalten, ist  aus der Kinderosternacht des KiGo-Teams eine „Osternacht für alle Generationen“ gewachsen: Ein ganz besonderer Gottesdienst, an dem Kindergottesdienstkinder, Präparanden, Konfirmanden, Kinder- und Jugendchor mitwirken und Jung und Alt anschließend am Osterfeuer und beim gemeinsamen Frühstück die Auferstehung des Herrn auch gesellig feiern.        
Beim Kindergottesdienst haben wir ein Auf und Ab, ein Ab und Auf erlebt: Zwischenzeitlich erreichte er in Rüdenhausen rekordverdächtig viele Kinder, derzeit kann er leider nicht stattfinden. Umgekehrt ist die Kindergottesdienstarbeit in Wiesentheid in den letzten Jahren sensationell aufgeblüht.
Die Ökumene spielte jederzeit eine große Rolle: Die tiefe Verbundenheit mit der römisch-katholischen Schwestergemeinde, aber auch die gewachsenen Freundschaften zu Geschwistern aus der anglikanischen, rumänisch-orthodoxen, ukrainisch-orthodoxen Welt. Dazu kamen viele Gäste aus dem Ausland zu uns: lutherische Bischöfe und Pfarrer aus Indien, dem Kongo, Lettland, Litauen, Tansania, den USA besuchten uns, predigten uns Gottes heiliges Wort! Auch zu lutherischen Freikirchen, der SELK und der ELFK, entstanden sehr gute Verbindungen. Und auch mit landeskirchlichen Gemeinschaften wissen wir uns im Glauben eins. Früchte dieser vielfältigen Begegnungen sehen wir auch in diesem Gemeindebrief: Die Konfirmandenrüstzeit verbrachten wir als Gäste der Anglikanischen Kirche in Deutschland; zugleich darf ich ankündigen, dass wir für 14 Tage im Juni eine anglikanische Deaconess in Ausbildung, Steffi Menk, als Praktikantin bei uns haben werden. Am 14.06. wird sich der Prediger der LKG Kitzingen, Philipp Zimmermann, bei uns im Gottesdienst vorstellen. 

Liebe Schwestern und Brüder,
eine riesige Herausforderung bedeutete die Coronapandemie: Wir haben mit enormem Engagement vieler Ehrenamtlicher die Gemeinden am Laufen gehalten durch Andachtshefte, Gottesdienstübertragungen auf youtube, Veranstaltungen im Freien … Aber wir haben auch schmerzhaft die tiefe Einschnitte erfahren müssen, die mit den Krankheitswellen verbunden waren – und haben miteinander um etliche Opfer getrauert.
Der Überfall Russlands auf die Ukraine bedeutete auch für uns eine Zeitenwende: Mit der Ankunft Geflüchteter in Wiesentheid organisierten wir Deutschkurse im Gemeindezentrum, Begegnungsnachmittage, Ausflüge, verschiedenste Unterstützungsmaßnahmen. Seitdem haben wir mehrfach jährlich Hilfslieferungen an das Lyzeum 4 in Swjahel (bis Ende 2022 hieß die Stadt Novohrad-Volynskyi), die Partnerschule des LSH Wiesentheid durchgeführt.

Gerade in besonders arbeitsintensiven Zeiten und in den gemeinsam bewältigten schweren Krisen zeigte sich, welch große Kräfte  unsere Gemeinden mobilisieren können, wie stark der Wille zur Zusammenarbeit ist und wie viele bereit sind, Kraft, Zeit und Geld für ihre Gemeinden einzusetzen. In menschlicher Hinsicht bin ich äußerst stolz auf unsere Gemeinden! Aber die rein menschliche Perspektive greift zu kurz! Ich bin dem lebendigen Gott dankbar – und zwar mehr, als ich es ausdrücken kann! – dass er in unseren Gemeinden soviel Glauben, Hoffnung und Liebe geweckt, so reiche Gnadengaben ausgeteilt hat, um allen Herausforderungen zu begegnen.

Ich danke den verschiedenen Kirchenvorständen in diesen 19 Jahren für das hervorragende Miteinander, der außergewöhnlichen Pfarramtssekretärin, dem Team des Kindergartens „Spatzennest“, allen kirchenmusikalisch Aktiven, den Ehren- und Nebenamtlichen, meinen Pfarrerskollegen, den Prädikanten und Lektoren, die Dienste in den Gemeinden übernommen haben und die – nach meinem Wechsel – ganz besonders gefragt sein werden. Ich danke den Gemeindegliedern für alles Vertrauen, das ich gespürt habe. Ich danke unseren ökumenischen und internationalen Partnern!
Ich danke den Bürgermeistern – und der neugewählten Bürgermeisterin – und den Gemeinderäten, der fürstlichen Familie, den Schulkollegien von LSH und Grund- und Mittelschule, den örtlichen Vereinen, den Militärseelsorgern und den Soldatinnen und Soldaten der Patenkompanie!
Ich danke ganz besonders meiner Frau und meiner Familie!

Ich bitte alle um Vergebung, die ich als Mensch, Christ und Pfarrer verletzt oder enttäuscht habe!

Und ich befehle Euch alle der Gnade des Dreieinigen Gottes an!
Veränderungen, Wandlungen, Abschiede und Neuanfänge gehören zu dieser Welt – unser Herr aber ist beständig und treu: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit!“ (Hebräer 13) Er segne Euch alle nach dem Reichtum seiner Gnade. Amen.

Abschiedsworte von Martin Fromm

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